Confessions

 

 

Über die Liebe im öffentlichen Raum

 

Rede anlässlich der Verleihung des Baldreit-Stipendiums als Stadtschreiber der Stadt Baden-Baden

 

 

Eine weitere Rede:

Schönheit. Juden. Geschichte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wir reden über Politik, über unsere Freunde, über Fußball und Tennis. Wir reden übers Einkaufen und über unsere Arbeit. Vor allem reden wir über Urlaub und Wetter. Selten und nur in ausgewählten Augenblicken reden wir über die Liebe. Aber nie über das, was uns am wichtigsten ist, einfach, weil es uns am meisten zu schaffen macht: die körperliche Liebe. Sie wird immer mehr an den Rand des bürgerlichen Wortschatzes gedrängt, in Ratgeberecken, wo auf eine Frage eine Antwort präsentiert wird. Dabei gibt es für die körperliche Liebe, wenn sie aus der öffentlich nutzbaren Sprache verschwindet, keine brauchbaren Antworten mehr.

Ich habe hier ein Problem umrissen, das sich mir stellt, wenn ich über die Liebe, auch über die körperliche Liebe, schreibe, wie es seit geraumer Zeit geschieht und, soweit absehbar, noch weitere zwei, drei Jahre geschehen wird.
Ein Autor ist nicht unbedingt der beste Interpret seiner Werke, doch mir scheint, dass viele Figuren in meinem neuen Roman die oben beschriebene linguale Hemmung nicht anerkennen.

Was bedeutet das?

Es könnte bedeuten, dass eine Frau in einer politischen Versammlung der CDU den Redner nicht nur fragt, was er zum Problem des badischen Sondermülls zu sagen hat, sondern auch, dass sie sich in ihn verliebt habe und ob er ihr einen Vorschlag machen wolle, wie man damit weiter verfahren könne...

Sie denken nun, dass sei nicht ungewöhnlich, nur ein bisschen verrückt. Und haben Recht. Es ist nur ein bisschen verrückt. Die französischen Nachbarn haben den Begriff der amour fou, ein ganzes Literatur- und Filmsegment lebt davon.
Doch das ist noch nicht, was ich meine, damit Literatur über die Liebe weniger romantisch als subversiv sein kann.

Nehmen wir als allgemeine Ausgangslage die aufgeklärte Unfähigkeit, bei der körperlichen Liebe zu benennen, was uns fehlt. Menschen, denen einigermaßen glaubhaft möglich ist, über diese Wünsche zu sprechen, haben die eigentümliche Kraft, den gesellschaftlichen Diskurs nicht nur zu erweitern, sondern ihn manchmal auch qualitativ zu verändern. (Ich meine nicht Liebesfunktionäre, wie die leidige Erika Berger von RTL, die, allesamt, gleich ob Mann oder Frau, sichtbar oder nur mental, vor uns die Beine übereinander schlagen.)

Dass diese Kraft real sein kann, ist leicht zu beweisen: Fragen Sie Ihren Bundestags- oder den Landtagsabgeordneten, fragen Sie den Bürgermeister nicht nur, was er für die geplante Ortsumgehung tun kann, wie er neue Kindergartenplätze (gibt es auch im Badischen zuwenig davon...?), wie er neuen Wohnraum schaffen will -: fragen Sie ihn auch, was er von der Liebe hält.

Fragen Sie ihn!
Fangen Sie einfach damit an!
Sie werden vielleicht dabei erröten - aber haben sie keine Angst: Fragen Sie ihn!

Er wird wahrscheinlich auch erröten, und gewiss wird er sagen, die Liebe sei etwas Schönes und Großes oder ähnlichen klinisch reinen Unsinn. Wo wir doch alle selbst erfahren haben, dass die körperliche Liebe ihrem Wunsch und Wesen nach wunderbar unhygienisch ist.

Lassen Sie sich nicht von solchen Worthülsen täuschen: Fragen Sie weiter, fragen Sie und hören Sie genau auf seine Antwort: ob es nur Worthülsen sind, die ihm seine Berater mitgegeben haben, eine hygienisch einwandfreie, antiseptische Verpackung auch für dieses Problem - oder ob jemand antwortet, dem anzumerken ist, dass auch er mit dem Ungeheuer Liebe nicht fertig wird und der zum Beispiel die richtigen Worte dafür findet, dass er nur einmal im Monat mit seiner Frau schläft - einfach, weil er nicht öfter Gelegenheit dazu hat (er ist ständig auf Reisen oder in Ausschusssitzungen). Wäre das nicht schon eine Hoffnung für die Menschheit?

Sie denken nun, das sei alles ein wenig überdreht?
Um es mit badischer Höflichkeit auszudrücken.

Ich will also einen weiteren Versuch unternehmen und fragen, ob Sie denn einmal einen verliebten Politiker gesehen haben? Also einen Menschen, der in Kauf nimmt, angreifbar und verletzlich zu sein und der vor allem damit rechnen muss, dass man diese Schwäche an ihm wahr nimmt?

Kennen Sie einen Politiker, welchen die der körperlichen Liebe gewidmeten Nächte (von Tagen wage ich nicht zu reden) so mitgenommen haben, dass er erst einmal (halb sich entschuldigend, halb noch entzückt) an das "Meine sehr geehrten Damen und Herren" anfügen muss: "Ich habe fast die ganze zurückliegende Nacht damit verbracht, mit meiner Frau zu schlafen, bzw. mich von ihr lieben zu lassen - wundern Sie sich deshalb bitte nicht, wenn Sie in dieser Debatte einen zwar glücklichen, aber schläfrigen Menschen vor sich haben, dem die Auswirkungen der letztjährigen Anhebung des Gewerbesteuersatzes im Augenblick ziemlich fern sind..."

Sind bei uns Politiker denkbar, Manager, Funktionäre und andere, die in den Augen der Öffentlichkeit etwas Wichtiges zu tun scheinen, die sich so der Liebe, genauer: der körperlichen Liebe aussetzen?
Denkbar?
Natürlich!
Aber wo sind sie zu finden? Und das ist, wie ich annehme, nicht nur ein rheinisches Problem.

Es fällt auf, dass gerade, wo sich unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu Machtfragen ballen, über Liebe nicht gesprochen wird (dass sie, selbst im platonischen Sinn, nicht praktiziert wird, ist klar). Ihre Abwesenheit scheint wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren von Machtsystemen. Sie ist verbannt: in die Nacht, ins Wochenende, in den Jahresurlaub, in die Zeit nach dem Arbeitsleben, irgendwohin. Selbst ins Jenseits.

Liebe, körperliche Liebe im öffentlichen Raum, ist keine Frage der zusammenhängenden Bilder, die wir uns schaffen: gemeint ist kein öffentlich zu vollziehender Liebesakt, ich bin kein Pornograf; nicht an dieser Stelle. Es ist um so mehr eine Frage der Sprache, der Zwischentöne, der Sprachregelungen für einen Bereich, der nicht verlässlich regelbar ist, und nun wird vielleicht langsam deutlich, welche Chance es für uns Regierte und so leicht Regierbare ist, Politiker und andere Funktionsträger mit ihren Sprachmauern für alles Regelbare nach der Liebe, der körperlichen Liebe zu fragen.

Hören Sie also auf die Zwischentöne, hören Sie hin, welche Worte der Oberbürgermeister oder der Bundestagsabgeordnete findet: ob es Sprachregelungen sind oder, der Liebe angemessen, Zeichen existentieller Verwirrung. Und seien Sie konsequent: wählen Sie niemanden, bei dem sie sich keine Zeichen von glücklicher Schwäche, von Verzweiflung, von einer in verwirrenden Umarmungen verbrachten Nacht vorstellen können. Denn warum sollten wir jemanden an die Spitze unserer Gemeinwesen wählen (ich setze immer noch voraus, dass der Staat auch das Glück seiner Bürger zum Ziel hat), der eine unserer humansten Eigenschaften: die der körperlichen (also: praktizierten) Liebe, aus seinem Leben verdrängt zu haben scheint?

Was können wir tun?

Ich bin am Rhein aufgewachsen, wo er beginnt, freier auszuatmen, wo die Berge, die sein Bett einzwängen, noch seinen Lauf bestimmen, aber wo das flache Land, die Köln-Bonner-Bucht schon sichtbar wird. Heinrich Böll, ein Nachbar (auch wenn es verwegen anmutet, ihn so zu nennen), der Menschen- und Landschaftsmaler dieser Region, hat, wie ich glaube, selten und nie sehr überzeugend über die körperliche Liebe geschrieben: ich vermute, weil er katholisch erzogen, aber trotzdem glücklich verheiratet war - für die Produktivität eines Schriftstellers ein furchtbares Schicksal (jedenfalls was dieses Thema betrifft).

Aber er hat auf etwas hingewiesen, was Hilfsmittel sein kann beim Umgang mit der körperliche Liebe: auf den Humor, den er, dem römischen Ursprung Kölns entsprechend, auf die lateinische Wurzel: das Feuchte, bezog. Und ich füge nun hinzu, dass nichts bei dem, was wir mit unserem Körper tun, so sehr mit Feuchtigkeit, mit Flüssigkeiten, Schweiß, Sperma, Gleitsekreten, Speichel, auch: Tränen, zu tun hat wie die praktizierte Liebe, die sich somit ganz einfach als höchste Form des Humors definieren lässt - wenn sie, im Sprechen (und wenn wir endlich schweigen) gelingt.

mosaik